Oonaversum – süsse Melancholie

Chant gegen Angst

by on Jan.16, 2013, under Literatur

Bildquellenangabe: Volker Röös / pixelio.de

Namo Tassa Bhagavato Arahato
Sammā-Sambuddhassa
Namo Tassa Bhagavato Arahato
Sammā-Sambuddhassa
Namo Tassa Bhagavato Arahato
Sammā-Sambuddhassa
(Verehrung dem Erhabenen, Heiligen,
vollkommen Erwachten) – immer in 3er Sets aufsagen.

Diese „Formel“ wurde uns schon von Kindesbeinen an eingetrichtert und dient in allen Lebenslagen als DIE erettende Formel schlechthin, denn damit sucht man Zuflucht in Buddas göttliche Gegenwart. Man darf es sich nicht so vorstellen, als würde dann Budda selbst erscheinen und alles Böse vertreiben, vielmehr entrückt man sich selbst „innerlich“ von dem unaushaltbaren Zustand in das Licht, in welchem sich Budda befindet. Wir Kinder haben uns immer vorgestellt, dass wir während der Rezitation des Gebetes von Innen heraus dieses göttliche Licht abstrahlen und somit alle Geister und Übeltäter auf Abstand halten.

Erster Einsatz der universellen Formel

Der Biosaal unseres katholischen Mädcheninternats beherbergte eine stattliche Sammlung eingelegter Embryonen zu Anschauungszwecken. So zumindest ging das Gerücht. Wir Kleinen mussten noch einige Jahre Biologieunterricht absitzen, bis wir diese je zu Gesicht bekommen konnten.

Meine umtriebige Freundin Mäu (ihr Name bedeutet Katze) verstand es hervorragend in mir eine gehörige Portion Neugierde zu wecken und so wurde schnell beschlossen, uns heimlich einzuschleichen und einen Blick auf die Gläser zu werfen. Als Zeitpunkt vereinbarten wir das nächste Besuchswochenende, da ist das Internat fast leer. Mein Schülerausweis war seit einigen Wochen unauffindbar, weshalb ich mich eh nicht ausschreiben konnte und Onkel und Tante beschlossen die Verwandten auf dem Land zu besuchen.
Die Abenddämmerung brach bereits herein, als wir endlich die Gelegenheit erhielten unbesehen in den Lehrsaal zugelangen, der in einem Nebentrakt untergebracht war.

Mir persönlich wäre es sehr lieb gewesen, wenn die Gläser auf dem Pult gestanden hätten und wir nach einem kurzen Blick einfach hätten wieder verschwinden können. Leider blieb uns das versagt und wir waren gezwungen mehrere Schränke zu öffnen, die zudem unangenehm knarzten. Es verging eine ganze Weile bis wir sie endlich fanden. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die 4 Gläser, in denen sich seltsame Geschöpfe unterschiedlichester Größe mit riesigen Köpfen tummelten, die so gar nichts Menschliches hatten. Wo ihre Seelen wohl waren, wenn sie nicht eingeäschert wurden? Wann bekommt man überhaupt die Seele?
„Uuuuh, sowas haben wir dann mal im Bauch!“ wisperte Mäu, nahm eines der Gläser und hielt es hoch, um es genauer zu betrachten. Im selben Augenblick hörten wir ein komisches Geräusch vom Flur aus – es war wie ein leises Scharren und Wimmern gleichzeitig. Mir blieb fast das Herz stehen!

Mäu drückte mir das Glas in die Hand, sprang in den Schrank, zog mich hinterher und schloss von innen hektisch die Schranktür. Wir wagten es kaum zu atmen.
Ich sass quasi auf Mäus Schoss, sie hatte die Arme um mich geschlungen und unsere Köpfe waren eingezogen, damit wir beide in das fast leere untere Fach passten.
Jemand oder etwas betrat den Raum. Ich hörte nur mein Blut rauschen und mein Herz hämmern und war vor Angst wie erstarrt. Was ist, wenn die Seelen der Babies doch noch auf der Welt waren, dann sind das nun ruhelose Geister, die immer wieder nach ihren Körpern suchten, bis ein Moahr Phii, ein Geisterdoktor, die Geister bannt, oder sie eine anständige Einäscherungsfeier* bekommen? Wenn die jetzt nun gleich direkt hier im Schrank auftauchen? Mein Blick fiel auf das Glas, welches ich immer noch mit mir führte, und meine Gedanken drehten sich nur noch im Kreis.
Schreckliche Vorstellungen von allem, was die Geister mit einem machen konnten, schwirrten mir im Kopf herum und eine Eiseskälte kroch meine Gliedmassen hoch. Mäu zischte etwas. Ich brauchte eine Weile, bis ihre Worte in mein Gehirn gelangten: „Namo Tassa“ – sie betete! Stumm und nur in meinem Inneren chantete ich mit und stelle mir gleichzeitig das leuchtende Licht vor, das einen in der Ewigkeit umfängt. Es breitete sich von der Mitte meines Bauches ringförmig nach Außen aus und vereinigte sich mit Mäus zu einem großen Leuchtball. Die Geräusche verstummten direkt vor dem Schrank. Auch Mäu hörte mit dem Zischen auf und ich vertraute daruf, dass sie nun das Gleiche tat wie ich: nämlich die Sätze noch schneller zu rezitieren und die Kugel rotieren zulassen.

Ich weiss nicht, wie lange wir in dem Schrank saßen, es war eine Ewigkeit. Aber irgendwann, nachdem nichts geschah und es weiterhin ruhig blieb, liess unsere Anspannung nach und ich hörte nach dem letzten 3er-Set auf zu beten. Sofort zog das Licht sich wieder zusammen und verschwand irgendwo in der Magengegend. Meine Gliedmaßen waren eingeschlafen und ich konnte das Glas, das ich die ganze Zeit über umklammerte nicht mehr fühlen. Mäu streckte ihr Bein aus und die Schranktür ging quietschend auf. Es war mittlerweile dunkel geworden, aber es fühlte sich nicht bedrohlich an. Wir krochen aus dem Schrank und Mäu stellte das Glas zurück zu den anderen. Ich warf noch einen letzten Blick auf die armen Geschöpfe und wir verließen beide leise den Saal Richtung Schulhof.

Die Klingel rief zum Abendessen.
„Meinst Du, es gibt bei den Katholiken auch so eine Formel?“ fragte Mäu noch leise. Ich dachte nach. Bislang hatte ich in unserem Internat noch keine gelernt.
„Naja, die Falangs haben in ihrem Land wahrscheinlich ganz andere Geister. Das hätte uns vorhin gar nicht geholfen,“ antwortete ich zögerlich.
Dann nahmen wir uns an den Händen und rannten schnell zum Speisesaal.

*Einäscherungsfeier: in Thailand werden die Verstorbenen mehrere Tage aufgebahrt, damit jeder die Gelegenheit erhält, sich von dem Verschiedenen gebührend zu verabschieden. Meist kommt das ganze Dorf und jeder wird rund um die Uhr verköstigt. Es kommt oft vor, dass direkt am Sarg fröhlich gegessen und getrunken wird oder eine Band spielt. Es ist also eher ein Fest als eine Trauerfeier. Anschliessend wird er in einer langen Zeremonie eingeäschert. Eine thailändische Bestattung ist verhältnismässig kostspielig, aber es ist der letzte Dienst an den Verstorbenen, weshalb als Kondulenzgabe von den Trauergästen oft Geld in Umschlägen an die Verbliebenen mitgebracht wird.
Mehr Infos über thailändische Bestattungen auf thaiworldview.com (englisch)
Anmerkung zum o.g. Link – es sind 2 Seiten. Der page 2 link befindet sich ungünstig unter den Kommentaren. Die 2. Seite beschreibt ein paar Riten, wie die rituelle Waschung mit der Milch der grünen Kokusnuss, sowie das Legen einer Goldmünze in den Mund des Verstorbenen.
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