Oonaversum – süsse Melancholie

kleine schwarze Seele

by on Jun.02, 2012, under Literatur

Bildquellenangabe: diegoguevara.com - Benjamin Lacombes Illustrationen

Sie hatte mich kalt erwischt.

Wir haben gerade ihren Bruder zum Sport gefahren und sie hatte mich endlich nur für sich.
Ich sass hinter dem Lenkrad und kam nicht aus. Durch den Rückspiegel hatten wir Augenkontakt.

Ihre blauen Augen, die mich durchdringend anschauten, das Stupsnäschen mit den Sommersprossen. Die blonden Haare, durch einen Haarreifen gebändigt. Sie schaute ernst. Viel zu ernst für ein sechsjähriges Mädchen.
„Mama?“
„Hmmm“, augenscheinlich nahm mich der Verkehr viel zu sehr in Anspruch.
„Mama! Es tut weh und ich werde traurig. Ich denke immer daran dass ich tot bin, und will das eigentlich nicht. Aber ich kann nicht aufhören.“
„Das haben wir alle mal, Schatz. Das geht vorbei. Es kommt manchmal wieder, aber Du brauchst Dir keine Sorgen machen. Es dauert ne Zeit bis es vergeht.“
Sie schwieg und sah aus dem Fenster. Ich schwieg auch und überlegte, ob es jemals eine Zeit gab, andem ich diese Sehnsucht, endlich Heim zu kehren, nicht hatte. Es war als Kind sehr schwierig, da ich das keinem erklären konnte. Es war einfach niemand da, mit dem ich hätte darüber reden können.

„Du weisst, dass wir Dich alle sehr lieb haben?“ – „Jaaaaaaa klaaaaar. Ich bin auch gerne bei euch. Ich hab euch auch lieb! Aber ich war vorher woanderst. Das weiss ich einfach. Und manchmal – da will ich da einfach wieder hin. Dass ich tot bin ist nicht was wehtut, Mama, dass ich nicht weiss von wo ich her komme und dann nicht einfach zurück kann, das ist es!“ sie suchte nach Worte und gestikulierte. „Haben das alle?“

„Einige können sich einfach erinnern, meine Maus. Andere nicht mehr. Ich habe das auch, mach Dir keine Sorgen. Mit dir ist alles in Ordnung.“ Wir waren zu Hause angekommen. Das Gespräch somit beendet. Ich stieg aus und hielt ihr die Autotür auf. Sie sah mich abermals durchdringend an. Diese blauen Augen…
„Und wann weiss ich endlich wo ich her komme? – Weißt Du das Mama?“
„Nein, Süsse, ich suche immer noch.“
Unser Kater Yoda kam um die Ecke stolziert und jammerte fürchterlich, als er uns erblickte. Meine Tochter spurtete ihm entgegen. „Du gibst mir doch Bescheid, sobald Du das weisst?“ sie bremste ab und warf mir einen kurzen Blick zu. Ich nickte.

Dann schnappte sie sich die Katze und war verschwunden.

Mehr zu Benjamin Lacombe findet Ihr auf seiner Webseite

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2 Comments for this entry

  • Wölfin

    *leise seufz*

    Es wird auch nicht viel leichter wenn man weiß woher man kommt. Die Sehnsucht nach diesem Ort und den Lebewesen dort bleibt im Herzen ungestillt. Wann immer ich zu den Sternen sehe lodert die Flamme der Sehnsucht erneut hoch.

    Wie sagte J.W. von Goethe doch so treffennd:

    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!
    Allein und abgetrennt
    Von aller Freude,
    Seh‘ ich an’s Firmament
    Nach jener Seite.
    Ach! der mich liebt und kennt,
    Ist in der Weite.
    Es schwindelt mir, es brennt.
    Mein Eingeweide.
    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!

    Liebe Grüße
    Wölfin

  • Oona

    ohhhh Wölfin, ich habe Gänsehaut ob Deiner Worte und des Gedichtes …
    Schaurig schön und bittersüss – das ist die Existenz die wir dankbar durchleben dürfen.

    Deine Oona

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