Oonaversum – süsse Melancholie

Nachtgespenster

by on Aug.27, 2012, under Mythologie

Bildquellenangabe: www.wikipedia.de
Statue der Nyx, montiert von Ludwig Schwanthaler aus Teilen einer antiken Statue und seinen Ergänzungen

„Da gebar im weiten Schoß des Erebos

die schwarz geflügelte Nacht das windentsprungene Ei – und diesem entsprang in der Zeiten Lauf der ersehnte Eros – strahlend, mit goldenen Flügeln.“
– Aristophanes –

Es war alles anders als gewohnt. Die Sprache, das Essen, die Kinder, die Spiele. Auch das Fernsehprogramm. Langweilige Erwachsene, die stundenlang über irgendetwas uninteressantes erzählen konnten – und andere Erwachsene, die mit interessierter Mine zuhörten und ebenfalls langweiliges Zeugs von sich gaben. Die deutsche Sprache zu erlernen war schwierig genug, hinzu kamen noch komische Wörter wie „Kernkraftwerk“ und „Demonstration“.

Es gab auch andere Geister hier, meine Schwester und ich fühlten uns ungeschützt, da es niemanden gab, der mit ihnen sprach oder uns erzählte, wie man sie besänftigen konnte.
Mama gab sich neuerdings als „moderne Frau“, die unsere Ängste als Unfug abtat und sich darüber ärgerte, dass man uns in Thailand solchen Blödsinn erzählt hat – derweil hat sie doch selbst noch im letzten Haus, indem wir vor dem Umzug nach Deutschland gewohnt haben, die Mönche eingeladen, die die alten Geister vertrieben haben!

Unsere Fragen galten der Bestechung der Land-, Baum- und Pflanzengeister: mochten sie Tabak (Papa rauchte, bestimmt konnte man ihm eine stibizen); mochten sie Schnaps (der Alkohol war im Wohnzimmer im Wandschrank, klappte man das Fach auf, zeigte sich eine verspiegelte Bar – da konnten Mama und Papa bestimmt ein Gläschen entbehren)?
Schon in Thailand erzählte mir Miau, meine Freundin im Internat, dass es bei den „Falangs“ Vampire gab, die des Nachts aus den Särgen krochen und die man mit Knoblauch, Weihwasser oder einem Kruzifix fern halten konnte.

Diese Vampire bereiteten mir am meisten Kopfzerbrechen, denn wir wohnten auf einem alten Hof, gegenüber der Kirche zwar, aber der hintere Garten grenzte direkt an der Friedhofsmauer. Und der ganze Friedhof war voller Särge – also potentiellen Vampiren! Heimlich schlich ich mich in die Kirche um Weihwasser zu besorgen, aber auch das ging schief, denn es gab da keines. Die Waldensergemeinde, in die Papa uns gebracht hatte, war  protestantisch (das wußte ich damals noch nicht, ich hielt das für ein recht verdächtiges Zeichen, in der Kirche unseres Intenates gab genügend Weihwasser, aber es war ja auch ein Katholisches, wie ich nun weiss) – keiner schien sich vor lebenden Toten zu fürchten, waren alle schon infiziert? Es hatte auch keiner ein Kreuz in der Wohnung, und wir hatten auch weder ein Kruzifix noch einen Buddaschrein, ich war in ständiger Sorge, vor allem Nachts.

Ich glaube ich habe die ersten Wochen in Deutschland durchweg nach Knoblauch gerochen, da das in meinen Augen die einzige Möglichkeit bot, diese Untoten abzuwehren.

Die Fazination Vampir blieb mir ein Leben lang, alleine schon durch meine etlichen Versuche, die Furcht vor Ihnen zu besiegen, die Furcht vor der Nacht und deren Geschöpfe – bis ich es endlich verstand, mich für die Schönheit der Göttin Nyx zu öffnen – die Mutter des Eros; denn wessen Verbündete sonst, ist die Nacht, wenn nicht die der Liebenden, die es ermöglicht, heisse Küsse und Liebesschwüre bei Mondschein  zu tauschen…  Ja, es waren die orphischen Gedichte, die  wir in der Schule behandelten, die mir einen Weg aufzeigten, die Nacht zu lieben.

„Night [Nyx], parent goddess, source of sweet repose, from whom at first both Gods and men arose
Hear, blessed Venus [Kypris], deck’d with starry light, in sleep’s deep silence dwelling Ebon night!
Dreams and soft case attend thy dusky train, pleas’d with the length’ned gloom and feaftful strain.
Dissolving anxious care, the friend of Mirth, with darkling coursers riding round the earth.
Goddess of phantoms and of shadowy play, whose drowsy pow’r divides the nat’ral day:
By Fate’s decree you constant send the light to deepest hell, remote from mortal sight
For dire Necessity which nought withstands, invests the world with adamantine bands.
Be present, Goddess, to thy suppliant’s pray’r, desir’d by all, whom all alike revere,
Blessed, benevolent, with friendly aid dispell the fears of Twilight’s dreadful shade.“

Sourcen:
http://www.theoi.com/Text/OrphicHymns1.html

http://www.rosenkreuz.de/node/310/

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1 Comment for this entry

  • Wölfin

    Ich erinnere mich an die Vampire meiner Kindheit. Die waren des Tags unterwegs und schlugen ihre Zähne in alles, was nicht gleich floh. Sie saugten Lebenskraft, Freude, Leidenschaft, Begierde, Liebe und Glück auf wie trockene Schwämme.

    Für mich war es die Nacht, deren dunkles Kleid sich samtig über mich warf, mich unsichtbar machte und schütze. Seit jeher liebe ich sie, die dunkle Schöne mit ihrer sanften Kraft. Sie bietet Platz für all das, das du beschreibst. Für verstohlene Küsse in dunklen Ecken, rasende Herzen im Liebestaumel, sehnsuchtvolles Träumen und so vieles mehr. Ich frage mich, wann wir wohl intensiver leben. Am Tag oder in der Nacht?

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