Oonaversum – süsse Melancholie

Vom Regen in die Traufe

by on Feb.01, 2013, under Literatur

Daek Falang (Falang Kind)

Falang Kind

Ich wuchs mit dem Wissen auf, dass ich auf irgendeine Weise anders war. Ständig hörte ich einen Erwachsenen sagen: „Das Falang* Kind braucht eine Mütze, es verbrennt sonst in der Sonne“, oder „das Falang Kind kann nicht so scharf essen, denke bitte beim Kochen daran.“

Manchmal überkam mich das Gefühl, sie wussten selbst nicht so genau, was ein Falang Kind wirklich brauchte, denn ich musste zur Monsun-Zeit als einziges Kind eine Strumpfhose tragen, weil „das Falang Kind friert ohne Sonne“.

„Daeg  Falang“ – sie sprachen von mir, über mich, als wäre ich überhaupt nicht anwesend, oft wollte ich schreien: Hallo, ich habe von euch einen Namen erhalten, schaut mich an, fragt mich doch, was mir fehlt! Aber ich getraute mich nicht, man behandelte mich manchmal wie ein Ding, manchmal benutzte man mich als Vorzeigeobjekt. Ich selbst fühlte mich wie von einem anderen Stern.

Meine thailändischen Verwandten erzählen heute noch Geschichten, wie ich als kleines Mädchen inbrünstig melancholische Liebeslieder trällerte, während mir dabei die Tränen herunterliefen. Die ganze Nachbarschaft sei herbei gelaufen, um das Schauspiel zu sehen und sie waren so hingerissen, dass sie mitheulten.

Nein, normal sei ich nie gewesen. Schon immer anders.

Meine Haut war heller, meine Haare rötlicher und ich war größer als die Kinder meines Alters. Ich fiel überall auf wie ein bunter Hund.

Anscheinend war ich so anders, dass sie auf die Idee kamen, ich bräuchte auch eine Falang Religion. Anders kann ich mir meine Zeit in dem katholischen Internat nicht erklären.

Irgendwann wurden mir die Erwachsenen mit ihren undurchschaubaren Plänen auch egal. Ich hatte in meinem Innern längst eine Welt entdeckt, die viel spannender war als alles andere um mich herum. Lieder, die ich im Radio hörte, wurden lebendig; Helden kamen ins Leben; Theaterstücke, deren Ausgang ich unbefriedigend fand, konnte ich einfach anders neu ablaufen lassen. Ich konnte früh aufwachen und stundenlang an die Decke starren, in Wahrheit einen eigenen Film drehend, manchmal schön, manchmal traurig, ganz wie ich wollte.

Ausländer

… war eines der ersten Wörter in Deutschland, dessen Bedeutung ich emotional erfasste. In den späten 1970ern holte Papa uns zu sich in seine kleine Waldensergemeinde mit 270 Einwohnern und die Erwachsenen Falangs waren faszinierend anders. Mit einer Zurückhaltung, die ich fast schon als Arroganz empfand, blieben sie auf Abstand und musterten uns von der Ferne misstrauisch. Die Kinder waren eben – Kinder. Sie erzählten frisch und frei,  worüber beim Abendbrot – oder beim „veschpere“, am Tisch über uns Fremde gesprochen wurde.

Wurde man als Ausländer bezeichnet, hatte das nichts Freundliches oder wohlwollendes an sich, erst recht nicht, wenn man ein Kind vor sich hat, das versucht den Tonfall und die Mimik eines Erwachsenen nachzuahmen, von dem es diese Vokabel gelernt hat. Ich begriff sehr schnell, dass dieses Wort nicht einfach einen Nicht-Falang bezeichnete, sondern etwas Unangenehmes und Ungeliebtes. Etwas von niedrigerem Rang. Und dass es eine Unbeliebtheits-Hierarchie der Nationen gab.

Ich durfte beispielsweise nicht mit Dilek spielen, denn sie war Türkin. Aber mich hat es schon immer mehr zu den Menschen hingezogen, die selbst etwas anders waren…

 

*Mehr zur Erklärung der Begriffes „Falang“- bzw.  „Farang“ auf wikipedia.de.
Ebenfalls ein sehr guter Blog, was das Ansehen von Falangs erklärt:
http://www.falang-in-thailand.de/20070901/was-bedeutet-farang-oder-falang.htm

Anmerkung:  ein Falang-Damm ist angesehener wie ein „Negro“, denn das Wort „Falang“ selbst kennzeichnet einen gewissen Wohlstand.  Ich selbst habe den Begriff „Falang-Damm“ als Bezeichnung für einen dunkelhäutigen U.S. Amerikaner kennengelernt.

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